Die Schweizer Botschaft in London beherbergt die weltweit größte Sammlung von Banksy-Kunstwerken!
- Romain Class
- 27. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
In London, unter der imposanten Residenz des Schweizer Botschafters am Hof von St. James, verbirgt sich eine außergewöhnliche Kunstsammlung: Die Wände und Pfeiler der Tiefgarage der Schweizer Botschaft sind mit rund fünfzehn originalen Werken von Banksy geschmückt, die vor etwa 25 Jahren geschaffen und viele Jahre lang streng geheim gehalten wurden. Ein kürzlich ausgestrahlter Fernsehbericht des Senders RTS machte sie erst vor wenigen Tagen der Öffentlichkeit bekannt.
Ursprung und Kontext
Um die Jahrtausendwende versuchte die Schweizer Botschaft in London, ihr Image zu modernisieren, das zeitweise mit Kritik am Bankgeheimnis und anderen internationalen Kontroversen verbunden war. In diesem Zusammenhang wurden Street-Art-Künstler, darunter auch Banksy, eingeladen, die Tiefgarage in der Montagu Place zu gestalten und die Betonwände in einen pulsierenden Raum kreativer Ausdrucksformen zu verwandeln. Ursprünglich als rein interne künstlerische Initiative gedacht, wurde das Projekt in völliger Diskretion durchgeführt: Die Künstler arbeiteten nachts, ohne direkten Kontakt zur Öffentlichkeit. Nachdem die Wandgemälde fertiggestellt waren, beschloss die Botschaft, sie zu erhalten – fasziniert von der Energie und der Qualität dieser einzigartigen Street-Art.

Eine einzigartige und unschätzbare Sammlung
Heute gibt es etwa fünfzehn (einige sprechen von sechzehn) Werke mit der Signatur von Banksy, die Wände, Pfeiler und Ecken der Tiefgarage bedecken. Diese Konzentration von Kunstwerken in einem so ungewöhnlichen Raum gilt als die dichteste bekannte Banksy-Sammlung der Welt. Die Werke vereinen Humor, Gesellschaftskritik und visuelle Wortspiele – typisch für Banksy. Sie reichen von ikonischen Motiven bis zu raffinierten visuellen Anspielungen und bewegen sich zwischen politischer Satire und kulturellen Referenzen: Ironie wird oft auf die Banalität des Alltags angewandt, wodurch die Tiefgarage in eine unterirdische Galerie verwandelt wird, die gleichermaßen zum Nachdenken anregt und unterhält.
Ein Kunstraum, der für die Öffentlichkeit unzugänglich ist – aber von unschätzbarem Wert
Im Gegensatz zu den Werken, die in Museen oder an öffentlichen Wänden gezeigt werden, ist dieses „unterirdische Museum“ nicht für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Es befindet sich in einer diplomatischen Tiefgarage und ist ausschließlich für Botschaftsmitarbeiter und autorisierte Besucher reserviert.
Doch in der Welt der Urban Art ist dieser Ort zu einer Quelle des Staunens geworden: Kuratoren und Street-Art-Experten betonen die Bedeutung dieser Sammlung – nicht nur wegen ihres Umfangs, sondern auch, weil sie ein seltenes Beispiel für Street Art in einem offiziellen diplomatischen Raum darstellt – eine nahezu paradoxe Gegenüberstellung zwischen Banksys rebellischem Geist und der staatlichen Institution, die seine Werke bewahrt.

Banksy – von Garagenwänden bis zur Spitze der zeitgenössischen Kunst
Banksys Geschichte ist eng mit dieser Tiefgarage verbunden: Als die Wandgemälde Anfang der 2000er Jahre entstanden, war der Künstler noch nicht international berühmt. Heute werden seine Werke für beträchtliche Summen verkauft, und sein weltweiter Ruhm ist unbestritten. Die Sammlung der Schweizer Botschaft – nach zwei Jahrzehnten noch immer vollständig erhalten – ist zu einem wertvollen Zeugnis für die Entwicklung der Street Art und für Banksys einzigartige künstlerische Laufbahn geworden.
Zwischen Urban Art und diplomatischem Erbe
Was diese Sammlung so bemerkenswert macht, ist sowohl die Kühnheit der ursprünglichen Initiative – Graffitikünstler einzuladen, einen so formellen Ort wie eine Botschaft zu bemalen – als auch die Beständigkeit der Werke an einem so unerwarteten Ort. Ohne öffentlichen Zugang bleiben diese Wandgemälde ein streng gehütetes Geheimnis, eine verborgene Galerie im Herzen Londons, die die unwahrscheinliche Begegnung zwischen einem Giganten der Street Art und einer diplomatischen Institution veranschaulicht, die sich ein modernes Image geben will. Isobel Muir, Kuratorin am Tate Museum, bestätigt: „Soweit wir wissen, gibt es weltweit keinen Ort mit einer solchen Konzentration an originalen Banksy-Werken!“
Mona Lisa in Flammen
In der Tiefgarage der Schweizer Botschaft zieht ein Wandgemälde besondere Aufmerksamkeit auf sich: Die Mona Lisa, auf einen Pfeiler gemalt, bewahrt den sanften und rätselhaften Ausdruck, der sie berühmt gemacht hat. Doch bei genauerem Hinsehen lecken Flammen an ihrem Kleid, und ein bedrohliches Fadenkreuz eines Scharfschützen zielt auf ihre Stirn. So verwandelt sich diese Ikone der Gelassenheit in eine Szene voller Spannung und Gefahr. Das Feuer, das an mehreren Wänden der Garage zu sehen ist, erzeugt einen starken Kontrast zwischen der vertrauten Ruhe ihres Gesichts und der drohenden Gewalt um sie herum – ein Spiegel von Banksys typischer Ironie und Gesellschaftskritik. Dieses Werk konfrontiert den Betrachter mit der Fragilität von Kunst, Geschichte und Kultur angesichts zerstörerischer Kräfte und verstärkt durch den engen Raum die dramatische Wirkung, in dem jede Wand zugleich fesselnd und beunruhigend wirkt.
This is Not a Photo Opportunity
Eine Banksy-Inschrift an der Wand zieht durch ihre Schlichtheit und Ironie Aufmerksamkeit auf sich: „This is not a photo opportunity“. In einem Ort angebracht, der selten besucht und ständig überwacht wird, unterläuft dieser Satz die Codes offizieller Beschilderung und stellt zugleich den Zugang zur Kunst und ihre Wahrnehmung in Frage. Banksy verwandelt eine banale Anweisung in einen provokanten Kommentar über die Besessenheit von Bildern und Dokumentation und erinnert daran, dass Kunst unabhängig von öffentlicher Aufmerksamkeit oder Zustimmung existieren kann. Die Nüchternheit der Inschrift steht im Kontrast zu den gemalten Werken in der Garage und unterstreicht Banksys Vorliebe für subtilen Humor und Gesellschaftskritik in einem unerwarteten Umfeld.
Vulture Capitalists
Ein weiteres großes Wandgemälde von Banksy, betitelt Vulture Capitalists, bedeckt eine ganze Wand. Es zeigt einundzwanzig Porträts von Lenin, jeder als Punk stilisiert – eine klare Hommage an Andy Warhol – mit Wiederholung und kräftigen Farben. Der Titel spielt mit dem Wortwitz zwischen „venture capitalists“ (Risikokapitalgeber) und „vultures“ (Geiern) und unterstreicht damit eine Kritik am räuberischen Kapitalismus. Mit diesem Werk verbindet Banksy Humor, Provokation und politische Reflexion, indem er eine revolutionäre Ikone in ein ironisches Symbol moderner Gier verwandelt. Die visuelle Wirkung, verstärkt durch die Wiederholung der Porträts über die gesamte Wand, macht das Werk zugleich eindrucksvoll und verstörend – typisch für Banksys Kunst, in der gesellschaftliche Satire auf Popkultur und Geschichte trifft.

Die Affen
Ein quadratischer Pfeiler zeigt ein Wandgemälde, das in zwei deutlich voneinander getrennte, aber durch eine Atmosphäre von Bedrohung und Chaos verbundene Abschnitte unterteilt ist. Auf einer Seite ist ein Affe dargestellt, dem eine Radioantenne aus dem Kopf wächst, während von unten Flammen aufsteigen und den Eindruck erwecken, er befinde sich in einer brennenden Umgebung. Auf der anderen Seite desselben Pfeilers trägt ein weiterer Affe ein Fadenkreuz eines Scharfschützen auf der Stirn, was ein Gefühl unmittelbarer Gefahr hervorruft. Diese Bilder vereinen Gesellschaftskritik und schwarzen Humor – charakteristisch für Banksy – und verwandeln Tierfiguren in Metaphern für Menschen unter Überwachung, Kontrolle und äußerster Verletzlichkeit. Zugleich nutzt der Künstler die Vertikalität und die Kanten des Pfeilers, um die dramatische Wirkung im engen Raum der Tiefgarage zu verstärken.
Zusammen ergeben diese Werke ein bissiges Porträt des Verhältnisses zwischen Kunst, Macht und Heuchelei. Indem Banksy eine diplomatische Tiefgarage in eine geheime Galerie verwandelt, stellt er die Spontaneität des Graffiti der institutionellen Strenge gegenüber. Seine unterirdisch verborgenen Bilder zeigen das, was die Diplomatie nie offenlegt: ihre Widersprüche, ihre Masken und ihre Schattenseiten. Dieses versteckte Heiligtum zeugt von einem seltenen Moment, in dem künstlerische Provokation im Herzen der Macht Zuflucht fand, die sie zugleich kritisiert.
Banksy war nicht allein an der Gestaltung der Tiefgarage der Schweizer Botschaft in London beteiligt. Das Projekt, das Anfang der 2000er Jahre vom Kulturattaché Wolfgang Amadeus Brülhart initiiert wurde, vereinte mehrere Künstler der Schweizer und britischen Street-Art-Szene. Unter ihnen befanden sich Snug und Chu, zwei Londoner Graffitikünstler aus Banksys Umfeld, die für ihre Wandbilder bekannt sind, in denen Humor und urbane Geometrie verschmelzen. Weitere, anonym gebliebene Künstler beteiligten sich ebenfalls an der Umgestaltung der Garage und malten neben Banksy abstrakte Kompositionen, Porträts und verfremdete Symbole der Schweizer Identität.
Leider kann dieser unschätzbare Schatz der Street Art nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
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