top of page

Siebdruck, Lithografie, Digitaldruck: Der vollständige Leitfaden, um nie wieder verwechseln zu müssen

Wer eine Galerie betritt oder online eine Arbeit auf Papier erwirbt, begegnet unweigerlich Begriffen wie Siebdruck, Lithografie, Radierung oder Digitaldruck. Diese Begriffe werden oft beiläufig verwendet, als wäre ihre Bedeutung selbstverständlich. Dabei beschreiben sie grundlegend unterschiedliche Techniken, die sich nicht nur in ihrer Herstellung, sondern auch in ihrer Wertigkeit, ihrer Seltenheit und ihrem Marktverhalten erheblich voneinander unterscheiden. Dieses Risiko der Verwechslung ist nicht trivial: Wer nicht weiß, was er kauft, kann am Ende eine Reproduktion für den Preis eines Originals bezahlen oder, umgekehrt, eine echte Originalarbeit unterschätzen. Dieser Leitfaden erklärt jede Technik klar und verständlich, damit Sie nie wieder im Ungewissen sind.



Warum diese Unterscheidung so wichtig ist

Auf dem Kunstmarkt hat die Technik einer Arbeit auf Papier direkte Auswirkungen auf ihren Wert. Eine Siebdruckarbeit von Banksy in einer nummerierten Auflage mit Pest-Control-Zertifikat ist eine Originalarbeit. Eine fotografische Reproduktion derselben Komposition, auch wenn sie hochwertig gedruckt und gerahmt ist, ist keine Originalarbeit. Der Preisunterschied zwischen diesen beiden Objekten kann mehrere zehntausend Euro betragen.


Dasselbe gilt für alle Künstler, die in Auflagen arbeiten: Shepard Fairey, Keith Haring, Futura 2000, KAWS oder Invader. Die Technik bestimmt den Status der Arbeit, ihren Platz im Werkverzeichnis des Künstlers und ihre Legitimität auf dem Markt.

Es geht also nicht um rein technische Spitzfindigkeiten. Es geht darum zu verstehen, was man tatsächlich in Händen hält, wenn man eine Arbeit auf Papier erwirbt.



Der Siebdruck: Die Technik des Street Art und des Pop Art

Der Siebdruck, auf Englisch als Screenprint oder Silkscreen bezeichnet, ist die Technik, die am häufigsten mit dem Street Art und dem Pop Art in Verbindung gebracht wird. Andy Warhol hat sie in den 1960er Jahren zum künstlerischen Ausdrucksmittel erhoben. Banksy, Shepard Fairey und unzählige andere Künstler des urbanen Bereichs haben sie seitdem zu ihrem bevorzugten Medium für Auflagenarbeiten gemacht.


Das Prinzip des Siebdrucks ist verhältnismäßig einfach, seine Ausführung jedoch anspruchsvoll. Für jede Farbe in der Komposition wird ein eigenes Sieb aus feinem Gewebe vorbereitet. Auf diesem Sieb wird eine lichtempfindliche Schicht aufgetragen, die dann belichtet wird, um die gewünschte Bildzone zu maskieren. Die Farbe wird anschließend mit einem Rakel durch das Sieb auf das Papier gedrückt. Dieser Vorgang wird für jede Farbe wiederholt, wobei eine hohe Präzision bei der Registerführung erforderlich ist, damit die verschiedenen Farbschichten exakt übereinanderliegen.


Das Ergebnis ist ein Druck mit einer charakteristischen Opazität und Sattheit der Farben, die mit keiner anderen Technik vergleichbar ist. Die Farben eines Siebdrucks leuchten. Sie besitzen eine materielle Präsenz, eine Dicke, die man unter dem Finger spüren kann. Das ist eines der sichersten Erkennungsmerkmale: Ein echter Siebdruck fühlt sich an. Man spürt die aufgetragene Farbschicht auf dem Papier.


Siebdrucke werden in Auflagen hergestellt, die in der Regel zwischen zehn und einigen Hundert Exemplaren liegen. Jedes Exemplar ist handgefertigt und weist minimale Variationen gegenüber den anderen auf, was jeden Druck zu einem einzigartigen Objekt innerhalb der Auflage macht. Die Exemplare werden nummeriert, zum Beispiel 12/150, was bedeutet: das zwölfte von 150 gedruckten Exemplaren.



Die Lithografie: Der edle Klassiker

Die Lithografie ist eine der ältesten und angesehensten Drucktechniken überhaupt. Sie wurde am Ende des 18. Jahrhunderts erfunden und hat seitdem eine lange Geschichte der Zusammenarbeit mit den bedeutendsten Künstlern der Moderne und der Gegenwart.

Das Prinzip der Lithografie beruht auf der Unverträglichkeit von Fett und Wasser. Der Künstler zeichnet direkt auf einen polierten Kalkstein oder auf eine speziell behandelte Aluminiumplatte mit einer fettigen Kreide oder Tusche. Die so bearbeitete Fläche wird dann chemisch behandelt, damit der Stein die Farbe nur in den vom Künstler bearbeiteten Bereichen annimmt. Das Papier wird anschließend auf den Stein gepresst, und die Farbe überträgt sich auf das Papier.


Das Besondere an der Lithografie ist, dass der Künstler direkt auf der Druckform zeichnet. Das bedeutet, dass die gedruckte Arbeit eine direkte Verlängerung der Handgeste des Künstlers ist. Die Lithografie bewahrt die Spontaneität, die Energie und die Subtilität des zeichnerischen Ausdrucks besser als jede andere Drucktechnik. Sie eignet sich besonders für subtile Tonabstufungen, für weiche Übergänge und für Kompositionen, bei denen die zeichnerische Qualität im Vordergrund steht.


Für Sammler ist die Lithografie ein besonders wertvolles Medium, weil sie die Hand des Künstlers auf unmittelbare Weise trägt. Eine vom Künstler signierte und nummerierte Originalithografie ist eine Arbeit, an der der Künstler direkt beteiligt war, von der Zeichnung auf dem Stein bis zur Kontrolle des gedruckten Ergebnisses.


Die Radierung und der Kupferstich: Die Technik der alten Meister, in der Gegenwart lebendig

Die Radierung, der Kupferstich und die Aquatinta gehören zur Familie der Tiefdrucktechniken. Das Prinzip ist dem der Lithografie entgegengesetzt: Hier wird die Farbe nicht auf eine Fläche aufgetragen, sondern in die Vertiefungen einer gravierten Metallplatte eingebettet.


Bei der Radierung ritzt der Künstler mit einer Nadel eine Zeichnung in eine mit Wachs beschichtete Kupfer- oder Zinkplatte. Die Platte wird dann in Säure getaucht, die die freiliegenden Metallbereiche angreift und die Linien vertieft. Die Farbe wird in diese Vertiefungen eingerieben und das überschüssige Pigment von der Oberfläche abgewischt. Das Papier, das leicht angefeuchtet ist, wird dann mit hohem Druck über die Platte gepresst, und die Farbe überträgt sich aus den Vertiefungen auf das Papier.


Das Ergebnis ist ein Druck mit einer charakteristischen Linienfeinheit und Tiefe, die mit dem Siebdruck nicht zu verwechseln ist. Die Linien einer Radierung haben eine Präzision und eine Eleganz, die auf die direkte Arbeit des Künstlers mit der Nadel zurückgeht. Diese Technik ist im Bereich des Street Art und des Pop Art weniger verbreitet, aber sie wird von zeitgenössischen Künstlern weiterhin verwendet, die die traditionellen Druckgrafiktechniken mit modernen Bildsprachen verbinden.


Der Digitaldruck: Reproduktion oder Originalarbeit?

Der Digitaldruck ist die jüngste der hier besprochenen Techniken. Er bezeichnet alle Druckverfahren, bei denen die Bildinformation digital verarbeitet und dann von einem Drucker auf ein Trägermaterial übertragen wird. Dazu gehören die Inkjet-Drucke, die Giclee-Drucke und die meisten auf Fotobasis hergestellten Abzüge.


Der Digitaldruck ist eine Technik, die auf dem Kunstmarkt einen zwiespältigen Ruf hat. Zu Recht, denn sie kann sowohl für die Herstellung hochwertiger Kunstwerke als auch für die massenhafte Reproduktion von Bildern verwendet werden. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technik selbst, sondern in der Absicht und dem Kontext ihrer Anwendung.

Ein Giclee-Druck, der von einem Künstler als originales Druckwerk konzipiert wurde, in einer begrenzten Auflage nummeriert und signiert ist, auf hochwertigem Archivpapier gedruckt ist und mit einem Echtheitszertifikat geliefert wird, ist eine legitime Originalarbeit auf Papier. Er besitzt die Eigenschaften, die einen Sammlungsgegenstand ausmachen: Limitierung, Authentizität, Urheberschaft.


Eine hochauflösende fotografische Reproduktion desselben Motivs, die in einer unbegrenzten Auflage gedruckt werden kann, ohne direkte Beteiligung des Künstlers entstanden ist und kein Echtheitszertifikat trägt, ist eine Reproduktion. Sie kann dekorativ wertvoll sein, aber sie hat keinen Sammlungswert und wird auf dem Kunstmarkt nicht als Originalarbeit gehandelt.


Das Problem ist, dass beide auf den ersten Blick identisch aussehen können. Der Unterschied liegt ausschließlich in der Dokumentation, der Limitierung und der Herkunft. Deshalb ist bei digitalen Arbeiten die Überprüfung des Echtheitszertifikats und der Auflagenangaben besonders wichtig.


Wie erkennt man die Technik einer Arbeit auf Papier?

Es gibt mehrere praktische Methoden, um die Technik einer vorliegenden Arbeit zu identifizieren.


Die erste Methode ist die taktile Prüfung. Ein echter Siebdruck hat eine tastbare Reliefoberfläche. Die Farbe sitzt auf dem Papier und hat eine materielle Dicke. Ein Digitaldruck hingegen ist vollkommen flach. Die Farbe ist in das Papier eingebettet und lässt sich taktil nicht von der Papieroberfläche unterscheiden. Eine Radierung hinterlässt einen charakteristischen Plattenabdruck: Am Rand des gedruckten Motivs ist die Spur der Metallplatte im Papier erkennbar, eine leichte Erhebung oder Vertiefung, die durch den hohen Druckprozess entstanden ist.


Die zweite Methode ist die visuelle Prüfung mit einer Lupe. Unter zehnfacher Vergrößerung zeigt ein Digitaldruck ein regelmäßiges Raster aus kleinen Farbpunkten, das sogenannte Druckraster. Ein Siebdruck zeigt hingegen gleichmäßige Farbflächen ohne ein solches Raster. Eine Lithografie zeigt die Textur des Steins oder der Körnung des Zeichenmediums.

Die dritte Methode ist die Prüfung der Dokumentation. Ein Echtheitszertifikat, das die verwendete Technik klar benennt, sowie die Auflagenangabe und die Signatur des Künstlers sind die zuverlässigsten Informationsquellen. Bei renommierten Künstlern geben die offiziellen Werkverzeichnisse, die vom Atelier oder der Nachlassverwaltung des Künstlers herausgegeben werden, Auskunft über die genaue Technik jedes verzeichneten Werkes.


Auflage, Nummerierung und Signaturen: Was bedeuten die Angaben auf einem Druck?

Auf einem originalen Druck finden sich in der Regel verschiedene handschriftliche Angaben, die für Sammler wichtige Informationen liefern.


Die Nummerierung wird üblicherweise in der unteren linken Ecke des Blattes angegeben, in der Form 12/150. Die erste Zahl bezeichnet die Nummer des vorliegenden Exemplars innerhalb der Auflage, die zweite Zahl die Gesamtzahl der gedruckten Exemplare. Je kleiner die Gesamtauflage, desto seltener und in der Regel desto wertvoller ist jedes einzelne Exemplar.


Neben der regulären Auflage gibt es häufig eine kleine Anzahl von Exemplaren, die als Künstlerexemplare oder Epreuve d'Artiste bezeichnet werden und mit E.A. oder H.C. (Hors Commerce) gekennzeichnet sind. Diese Exemplare gehören traditionell dem Künstler und sind nicht für den Verkauf bestimmt, erscheinen aber regelmäßig auf dem Sekundärmarkt. Sie werden von Sammlern oft besonders geschätzt.


Die Signatur des Künstlers befindet sich in der Regel in der unteren rechten Ecke des Blattes. Sie kann handschriftlich, mit Bleistift oder Stift ausgeführt sein, oder als Stempel des Ateliers. Bei Banksy ersetzt das Pest-Control-Zertifikat in vielen Fällen die handschriftliche Signatur des Künstlers, der aus Gründen der Anonymität auf eine persönliche Signatur oft verzichtet.

Der Titel der Arbeit steht häufig in der Mitte des unteren Blattrandes, zwischen der Nummerierung und der Signatur.


Siebdruck und Pop Art: Eine untrennbare Geschichte

Es wäre unvollständig, über den Siebdruck zu sprechen, ohne seine tiefe Verbindung zum Pop Art zu erwähnen. Als Andy Warhol in den 1960er Jahren begann, Fotos von Marilyn Monroe, Mao Tse-tung und Campbell's-Suppendosen im Siebdruckverfahren zu vervielfältigen, veränderte er nicht nur die Geschichte der Druckgrafik, sondern auch die Geschichte der Kunst schlechthin.


Warhol erkannte im Siebdruck die ideale Technik für eine Kunst, die die Sprache der Massenproduktion und der Werbung sprechen wollte. Die Serialität des Siebdrucks, die Möglichkeit, dasselbe Motiv in leicht variierenden Farbgebungen zu wiederholen, entsprach perfekt der konzeptuellen Aussage des Pop Art über Konsum, Identität und Reproduzierbarkeit.


Diese Tradition lebt heute im Werk der bedeutendsten Street-Art-Künstler fort. Banksy, Shepard Fairey und Keith Haring haben den Siebdruck als ihr bevorzugtes Medium für Auflagenarbeiten übernommen, nicht nur aus technischen Gründen, sondern weil die Technik selbst eine kulturelle Bedeutung trägt, die ihrer künstlerischen Aussage entspricht.


Was beim Kauf einer Arbeit auf Papier zu beachten ist

Bevor Sie eine Arbeit auf Papier erwerben, sollten Sie folgende Fragen klären.

Welche Technik wurde verwendet? Das Echtheitszertifikat sollte dies klar angeben. Wenn die Technik nicht eindeutig genannt wird, fragen Sie nach.

Wie groß ist die Auflage? Je kleiner die Auflage, desto seltener ist die Arbeit. Eine Auflage von 50 Exemplaren ist seltener als eine von 500. Eine unnummerierte Arbeit ohne Auflagenangabe ist mit großer Vorsicht zu behandeln.


Gibt es ein anerkanntes Echtheitszertifikat? Bei Banksy ist das Pest-Control-Zertifikat unverzichtbar. Bei anderen Künstlern sollte das Zertifikat vom Atelier des Künstlers, von seiner Galerie oder von einer anerkannten Fachinstanz ausgestellt worden sein.

Was ist die Provenienz der Arbeit? Woher kommt die Arbeit, und wie hat sie ihren Weg zu diesem Anbieter gefunden? Eine klare, nachvollziehbare Herkunft ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal.


Sie interessieren sich für den Kauf einer Siebdruckarbeit oder einer anderen Originalarbeit auf Papier und möchten sicher sein, genau das zu erwerben, was Ihnen angeboten wird? Das Team der Galerie Class Art Biarritz berät Sie umfassend zu Technik, Authentizität und Marktwert jeder Arbeit in unserem Bestand. Kontaktieren Sie uns für eine persönliche Beratung in der Galerie oder per Fernberatung. Alle unsere Arbeiten auf Papier sind vollständig dokumentiert und mit einem anerkannten Echtheitszertifikat versehen.

 
 
 

Kommentare


bottom of page